Die Hohepriesterin der Lust


(Elfriede Hammerl über die vielfältige Verehrung der gewerblichen Liebe)

Der sensible Dichter verehrt Huren, die er bewusst nicht in der bürokratischen Diktion der Spiesser "Prostituierte" nennt, sondern vollsaftig Huren. Der Spiesser verachtet Huren bekanntlich, und schon deshalb muss der Dichter, der den Spiesser verachtet, sie verehren. Aber er ehrt sie nicht nur, um dem Spiesser zu widersprechen, sondern auch grundsätzlich. Der sensible, wilde, unkonventionelle Dichter verehrt die Huren als etwas Besonderes, nachdem er sie mit überschäumenden Lobgesängen zu etwas Besonderem gemacht hat. In den Lobgesängen sind die Huren auserwählt (und zwar auserwählt, um Kerle wie ihn zu beglücken). Der Dichter weigert sich, in Frauen, die Prostituierte sind, benachteiligte Geschöpfe zu sehen, die die Not zwingt, sich sexuell gebrauchen zu lassen, denn diese Sicht der Umstände ist dem Dichter zu gewöhnlich. Der Dichter ist anspruchsvoll, er will nicht bloss - hier Geld, hier Ware - gegen Bezahlung tarifgemäss bedient werden, er fordert mehr, nämlich Liebe und Hingabe.

Darum sieht der Dichter in Huren nicht nur keine Frauen, die Prostituierte sind, sondern eigentlich gar keine Frauen und schon gar keine Menschen mit leider eingeschränkten bürgerlichen Rechten. Der Dichter betrachtet Huren, wie er sagt, als etwas Besseres. Übermütter sind sie, sagt er, Hohepriesterinnen der Lust.

Zweifelt irgendwer daran, dass eine Hohepriesterin der Lust etwas Besseres ist als eine Frau? Wieso denn nur? Ganz eindeutig ist eine Hohepriesterin der Lust besser für die Männer als ein Frauenzimmer, das angehört werden möchte, wütend sein möchte, ins Kino gehen, befördert werden, alle viere von sich strecken, Kinder grossziehen will, statt 24 Stunden am Tag darüber nachzusinnen, wie Er auf besonders raffinierte Weise in physisches Entzücken versetzt werden könnte.

Fast schon ist das Stichwort gefallen, das sich als Nenner anbietet, wenn man des Dichters Hurenbild auf einen solchen bringen will: Lebensaufgabe. Der Dichter sieht in Huren überirdisch selbstlose Geschöpfe, deren Lebensinhalt die Lust der Männer ist.

Für den Dichter ist die Prostitution kein Job, sondern eine Berufung. Die Huren, die er meint, tun's nicht für Mammon, sondern aus innerer Notwendigkeit.

Damit nähert sich der Dichter freilich stark den Ansichten des Spiessers, der ebenfalls an die innere Notwendigkeit glaubt. Auch der Spiesser denkt ja, so eine sei dafür geboren, so eine sei dazu berufen, so einer mache das nichts aus, beziehungsweise Spass, soll heissen: Mit dem Spiesser mache es ihr Spass, und die anderen Kunden sowie das Drumherum machten ihr nichts aus.

Wie der Dichter wiegt sich auch der Spiesser in dem Wahn, das Geschöpf, dessen Körper er mietet, sehe in ihm nicht einen feisten Bock mit Teiggesicht und Wabbelbauch, sondern einen begehrenswerten Gott von heldischer Gestalt und bezwingendem Blick.

Wie der Dichter spricht auch der Spiesser der Prostituierten die Menschenrechte weitgehend ab, wenngleich aus weniger feinsinnigen Gründen. Der Spiesser erklärt seine Haltung damit, dass so eine (ausser für ihn) besonders wenig fühle, der Dichter verlangt, dass sie besonders viel fühlen soll, beide benützen die Prostituierte für ihre Projektionen (mit dem minimalen Unterschied, dass die Projektionen des Dichters farbiger ausfallen) und ignorieren die Frau, die sie tatsächlich ist. Somit verachtet der Dichter die Huren vielleicht nicht, aber er missachtet sie, genau wie der Spiesser.

Allerdings lassen den Dichter solche Vorwürfe kalt. Die Einforderung bürgerlicher Rechte, zumal für eine Frau, zumal für eine Hure, erscheint ihm besonders spiessbürgerlich, noch spiessiger als spiessige Verachtung.

Und weil ja ein grösserer Teil der Spiesser riesige Angst vor einem spiessigen Ruf hat, treten eilfertig aufgeklärte Damen und Herren neben dem Dichter an die Rampe, lassen verstaubtes Mitleid weit hinter sich in der Provinz und versichern einem beeindruckten Publikum: Im Grunde sei die Prostitution ein Beruf wie jeder andere, bestimmt, höchstens ein bisschen spannender.

Das ist zwar nicht ganz des Dichters Interpretation, aber wenigstens wird der Dichter nicht mir moralischen Erörterungen gelangweilt. Moralische Erörterungen sind ihm selbstverständlich gleichfalls spiessig, egal, wessen Moral erörtert wird, die der Huren oder die der Freier. Die Aufgeklärten wiederum lesen erquickt des Dichters Ergüsse: Zwar übertreibt er ihrer Meinung nach, doch eine Verherrlichung der sexuellen Marktwirtschaft erscheint ihnen jedenfalls flotter als trübes Genörgel.

Die Hure kann des Dichters neuen Gedichtband leider nicht lesen. Sie hat ein blaues Auge, und das ist völlig zugeschwollen.

(Entnommen aus der Zeitschrift "Stern")


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